HISTORIE

Internationale AWR

Die Gesellschaft hat ihren Ursprung in der 1950 gegründeten Forschungsgesellschaft für das Europäische Flüchtlingsproblem (Association Européenne pour l’etude du Problème des Réfugiés – AER). Die Schirmherrschaft wurde von Fürst Franz Josef II von und zu Liechtenstein, selbst von der Fluchtproblematik nach dem 2. Weltkrieg betroffen, übernommen, weshalb der Sitz der Internationalen Vereinigung schon 1954 von München nach Vaduz / Liechtenstein verlegt wurde. Unter dem Eindruck der weltweiten Bedeutung dieses Themas wurde 1954 auf der Generalversammlung der AER in Istanbul die Gründung einer weiteren Forschungsgesellschaft (AWR – Association for the Study of the World Refugee Problem) beschlossen. AER und AWR wurden 1961 unter dem Namen AWR zusammengeführt. Auf dem 39. Kongress 1989 in Salzburg fand erstmals ein Dialog mit Wissenschaftlern aus osteuropäischen Staaten statt, wodurch die Flüchtlingsforschung um den Aspekt Ost-West Migration erweitert wurde. Befördert durch die Entwicklung in diesen Staaten rückte auch die Befassung mit der Nord-Süd Wanderung in den Blick und zielt auf die Fluchtproblematik der Länder des Südens.

Die Erweiterung des Spektrums der AWR Forschungen auf das Weltflüchtlingsproblem findet ihren Ausdruck in den Veröffentlichungen der AWR zur Flüchtlingssituation in Australien, Kanada und der UdSSR bzw. deren Nachfolgestaaten, insbesondere Russlands und der baltischen Staaten.

Unter dem Dach der Internationalen AWR entstanden ab 1952 in der Regel nach nationalem Vereinsrecht organisierte nationale Sektionen.

Nationale Sektionen

Die Gründung nationaler Sektionen Anfang der 1950er Jahre geht auf die Initiative einzelner, in Flüchtlingsfragen engagierter Personen zurück.

Niederlande

1947 gründeten Wissenschaftler in den Niederlanden den „Ausschuss für die deutsche Flüchtlingsproblematik“, welcher ab 1948 den Namen „Ausschuss für europäische Flüchtlingsfragen“ trug. Die Gründer hatten das Anliegen, die Flüchtlingsproblematik mit Blick auf die europäische Dimension wissenschaftlich zu erforschen. Sie gaben im Jahr 1950 den Anstoß zur Etablierung einer niederländischen AER Sektion und zur Gründung der internationalen AER.

Die niederländische Sektion ist bald nach ihrer Gründung in der deutschen Sektion aufgegangen.

 

Italien

Die Idee zur Gründung einer italienischen Sektion wurde 1950 konkretisiert auf dem Kongress des Internationalen Soziologischen Instituts (I.I.S.) in Rom. Die italienische Sektion konstituierte sich am 15. April 1951 auf der 1. Generalversammlung der AER in Hannover und hatte interdisziplinär ausgerichtete Gründungsmitglieder aus Politik, Wissenschaft und Kultur. Die Anregung, den Forschungsbereich der AER auf das Weltflüchtlingsproblem auszuweiten, gab die italienische Sektion im Jahr 1954 auf dem Kongress in Istanbul.

Die italienische Sektion, eine der ursprünglich aktivsten nationalen Sektionen, stellte jahrzehntelang den Präsidenten der Internationalen Gesellschaft und deren Generalsekretär. Im Jahr 2018 wurde die Sektion aufgelöst, ein Teil der bisherigen Mitglieder hat sich der deutschen Sektion angeschlossen.

 

Österreich

Aus der Abteilung für Flüchtlingsfragen des Forschungsinstituts für Wirtschaft und Politik in Salzburg wurde die österreichische AER Sektion ausgegründet. Sie konstituierte sich anlässlich der 2. Generalversammlung der AER im Jahr 1952 in München.

Nach der Suspendierung der österreichischen Sektion in Salzburg im Jahr 2001 wurde sie 2002 in Wien neu gegründet. Der Verein wurde im Jahr 2008 aufgelöst. Einige Mitglieder haben sich der deutschen Sektion angeschlossen.

Deutschland

Die Anfänge der Flüchtlingsforschung in der deutschen Sektion gehen auf das Amt des Staatskommissars für das Flüchtlingswesen zurück, das am 2. November 1945 beim Bayerischen Staatsministerium des Innern eingerichtet wurde. Der erste Staatskommissar und dessen statistischer Berater waren Gründungsmitglieder der AER. Der Forschungsschwerpunkt der 1952 gegründeten deutschen Sektion lag in der Bewältigung der Aufgabe, ca. 12 Mio. Heimatlose, Vertriebene und Flüchtlinge nach dem 2. Weltkrieg in Deutschland zu integrieren. Hinzu kamen deutsche Spätaussiedler aus Ost- und Südosteuropa und Übersiedler aus der ehemaligen DDR. Bald wurden die Forschungen mit international bedeutsame Flüchtlingsthemen verknüpft. Dabei standen nationale Bezüge im Vordergrund, an erster Stelle das Asylrecht, aber auch die Integration ausländischer Flüchtlinge in Deutschland und Europa sowie die Situation der sog. Gastarbeiter (Wanderarbeiter) in Deutschland.

In den 1990er Jahren erfolgte eine Neuorientierung hin zur europäischen und internationalen Dimension der Flüchtlingsforschung, weil die Herausforderungen von Flucht und Vertreibung nur international gelöst werden können. Für eine sachkompetente Flüchtlingsforschung ist ihre Verankerung in den höchst unterschiedlichen nationalen Systemen unerlässlich.

Die Sektion trägt den Namen AWR – Deutsche Sektion e.V. Sie ist derzeit die mitgliederstärkte Sektion. Ihr Sitz wurde 2016 von Bad Homburg nach Würzburg verlegt.

Liechtenstein

Die liechtensteinische Sektion wurde 1953 gegründet. In diesem Jahr erfolgte auch die Verlegung des Sitzes der Internationalen Gesellschaft von München nach Vaduz. Die Initiative für die Gründung geht auf den damaligen stellvertretenden Regierungschef Liechtensteins zurück, der sich seit Ende des 2. Weltkrieges mit Flüchtlingsfragen befasst hat. Das Fürstenhaus Liechtenstein übernahm bis 2004 die Schirmherrschaft über die internationale Gesellschaft.

Die Sektion Liechtenstein existiert nicht mehr.

 

Schweiz

Die am 24. Juli 1953 in Bern gegründete Sektion ist kein Verein nach schweizerischem Recht, sondern eine nicht rechtsfähige Vereinigung. Die Mitglieder der Schweizer AER Sektion waren vorwiegend Mitarbeiter der Schweizerischen Zentralstelle für Flüchtlingshilfe und der ihr angeschlossenen Hilfswerke. Seit 1954 hatte die Schweizer Sektion die Aufgabe, die AWR bei internationalen Organisationen, insbesondere beim UNHCR (Hohes Flüchtlingskommissariat), zu vertreten. Die Schweizer Sektion entfaltet derzeit Aktivitäten nur im Rahmen der Schweizer Flüchtlingshilfe.

 

Frankreich

Die französische Sektion wurde auf Betreiben des damaligen Präsidenten der AWR im Jahr 1967 gegründet, entfaltete jedoch keine selbständigen wissenschaftlichen Aktivitäten und hat auch im Gefüge der Internationalen Gesellschaft nur geringe Bedeutung.

 

Polen

Die polnische Sektion wurde nach der Öffnung der Ostblockstaaten Mitte der 1990er Jahre gegründet und hat ihren Sitz in Poznan.

 

Ungarn

Auch die ungarische Sektion mit Sitz in Budapest wurde erst nach der Öffnung der Ostblockstaaten etabliert.  Ihre wissenschaftlichen Aktivitäten erfolgen über die Ungarische Akademie der Wissenschaften in Budapest.

Korrespondenten

Die Internationale Gesellschaft arbeitet mit einem Netz von Korrespondenten zusammen, die Migrationsfragen in Ländern beobachten, in denen keine nationale Sektion existiert.

Korrespondenten sind u.a. für Australien und die USA aktiv.

Literatur zur Geschichte der AWR findet sich bei Geis, Sandro, Rechtsstatus und Einflussmöglichkeiten von Nichtregierungsorganisationen am Beispiel der AWR, Berlin 2004, S. 69 ff. und in der dort genannten weiterführenden Literatur.

 

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